Programmheft SoSe 1961:
Eine der interessantesten und einflussreichsten Gestalten der französischen Filmgeschichte ist Abel Gance. Sein Name ist eng verbunden mit der „impressionistischen” Schule des französischen Films nach dem ersten Weltkrieg, mit der Generation der Louis Deluc, Jean Epstein, Marcel I'Herbier‚ Germaine Dulac. Gance, der erklärte, seine Bildung autodidaktisch durch die Lektüre von Spinoza, Heraklith, Pythagoras, Schopenhauer, Konfuzius, Bacon, Platon und Nietzsche erworben zu haben, kam 1911 als Drehbuchautor und Schauspieler zum Film. Damals war er 22 Jahre alt.
Zu Beginn seiner Laufbahn drehte Gance eine Reihe ziemlich uninteressanter und heute vergessener Filme. Mit J'ACCUSE (1919) fand er allgemeine Anerkennung. Zum ersten Mal hatte er die Elemente einer ganz neuen filmischen Syntax angewendet, einer Bildsprache, die sprunghaft und empathisch, oft aber von leidenschaftlicher Direktheit war. LA ROUE (1922), ein Film über das Eisenbahn-Milieu, an dem er zwei Jahre lang arbeitete, leitete eine neue Epoche in der Entwicklung des französischen Stummfilms ein. Ein durchgehender lyrischer Atem, eine Frenesie der Bewegung und die außergewöhnliche Virtuosität der Regiemittel heben LA ROUE trotz des sentimentbefrachteten Inhalts auf ein künstlerisches Niveau. Seine Zeitgenossen Delluc, Epstein und l’Herbier übertraf Gance vielleicht nicht an kritischem Stilgefühl, sicherlich aber an Ausdrucksgewalt. Von Griffith inspiriert wandte Gance, mit ebenfalls überraschender Wirkung, die beschleunigte Montage an, deren immer kürzere Bildfolgen dem Zuschauer das Gefühl einer herannahenden Katastrophe vermitteln, die nicht mehr abzuwenden ist.
Doch hatte Gance noch nicht den Höhepunkt seines Schaffens erreicht. Bereits 1925 begann er an dem Drehbuch zu einem gewaltigen Projekt zu arbeiten: Einen Film nach dem Leben Napoleons. Obwohl der Film ursprünglich das ganze Leben Napoleons umfassen sollte, von seiner Jugend in Brienne bis zu seinem Tode auf St. Helena, kam Gance nicht über den Beginn des Italien-Feldzuges hinaus. Den Rest ‘des Drehbuches verkaufte er an Lupu Pick, „der danach 1928 seinen Film NAPOLEON AUF ST. HELENA drehte.
In NAPOLEON bediente sich Gance noch konsequenter als in LA ROUE der beweglichen Handkamera. In der ersten Szene des Films, der Schneeballschlacht im Internat in Brienne, in der der zwölfjährige Napoleon sein strategisches Talent beweist, wird die Kamera zum Mitakteur der Auseinandersetzung: sie bewegt sich hin und her, verfolgt die feindlichen Kontrahenten, entfernt sich plötzlich, wird selbst zur Zielscheibe; Gance ließ sogar Kameras durch die Luft werfen, um den „Gesichtspunkt” eines Schneeballes wiederzugeben. Gances Begeisterung für Kamerabewegung äußert sich auf der Leinwand in einer irritierend unruhigen Optik, voll abrupter Sprünge und Wechsel, und doch sind die vorbeirasenden Bilder mit großer Sorgfalt „montiert" und oft von suggestiver Wirkung.
Im ganzen gesehen ist NAPOLEON ein ungleiches Werk, das zwischen den Polen eines extatischen Lyrismus und einer hohlen Pathetik hin- und herschwankt. Patriotentum und begeisterte Verehrung des „lmpereur” hatten Gance dazu geführt, die geschichtlichen Tatsachen der französischen Revolution eigenwillig umzuformen. Das Drehbuch hatte den Untertitel: „Napoleon, ‚gesehen’ von Abel Gance" und machte aus Napoleon einen „Bonaparte für Faschistenlehrlinge" (Léon Moussinac). Trotz seiner offenbaren Mängel, Unwahrscheinlichkeiten und Absurditäten ist NAPOLEON doch einer der wenigen „Historienfilme", deren Gestalten keine wächserne Museumsblässe anhaftet, die durch die Differenzierung und die Virtuosität ihrer Mittel zu künstlerischer Gestaltung vordringen...
(Ulrich Gregor, filmforum)




